Lebenslinien - die ersten Jahre

Memoria moria majori momo muh, 1372 T.Z.

Wo fängt man an, wenn man sein Leben erzählen soll? Interessiert das überhaupt irgend jemanden?
Vermutlich nicht... Aber nachdem ich jetzt schon in all den Jahren meinen Senf zu unseren mehr oder weniger erfolgreichen Unternehmungen gegeben habe, kann ich genauso gut noch meinen Senf zu meinem eigenen Leben beisteuern.

Alles in allem eine tolle Sache, so ein Leben. Man plumpst erst mal ohne eigenes Zutun hinein, stolpert dann über allerlei Umstände, tritt in vielerlei Fettnäpfchen um schließlich, letztendlich dann anzukommen.
Anzukommen... - aber wo?
Ich glaube, genau da unterscheiden sich dann die einzelnen Leben. Jeder kommt woanders an. Witzigerweise weiß man es nicht, bevor man da ist. Ich für meinen Teil bin noch unterwegs. Nur für den Fall, falls Ihr Euch vielleicht Hoffnung gemacht haben könntet, ich wäre schon angekommen, und könnte Euch ein Rezept fürs Ankommen mitgeben. Dem ist nicht so...
Und jeden Tag frage ich mich beim Wandern, ob der nächste Tag vielleicht nicht doch noch schlimmer wird...
Wenn es Euch genau so geht - willkommen. Gehen wir ein Stück gemeinsam. Dann haben wir wenigstens was zu lachen. Ich meine das jetzt ernst. Ich bin lieber mit Jungs und Mädels unterwegs, die nicht auf den höchsten Gipfel stürmen, sondern öfters mal drum herumgehen, oder beim Hochklettern hin und wieder runterpurzeln. Dann kann man sich gemeinsam in den Dreck setzen und herzhaft lachen. Die Hochstürmer sind, oben angekommen, meistens aus der Puste und schauen schon gehetzt nach dem nächsten Gipfel, noch bevor sie wieder recht bei Atem sind. Und zwischen den Gipfeln sind sie so mit klettern beschäftigt, dass sie vom Leben um sie herum nur wenig bemerken. Manche gar nichts. Ausserdem sind sie ständig gereizt, weil ihnen alle anderen zu langsam gehen... Bitte - hier ist Euer Weg. Ich nehm' so lange den Trampelpfad.

Außerdem hat mich mein Leben eines gelehrt: Sollte es mal nicht schlimm laufen, dann ist es schon Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, ob man nicht wieder was entscheidendes übersehen hat. So wie bei einem Kuchen, der tatsächlich aufgeht, verführerisch duftet, nicht verbrennt und beim Aus-dem-Ofen-holen nicht zerbricht oder vom Schieber fällt. Spätestens, wenn er goldbraun, noch zaghaft dampfend und vollständig gelungen auf dem Tisch steht, ist es an der Zeit, sich innerlich auf dem Umstand vorzubereiten, daß man beim Teigkneten doch aus versehen in das Salzfass statt in den Zuckerkrug gegriffen hat.

Oha! Verzeiht! Ich predige schon wieder. Das ist leider eine der unangenehmen Nebenwirkungen eines Daseins als Dorfhüter und Bauernlehrer. Man hört irgendwann seine eigene Stimme gern. Und man ist furchtbar schlau und hat furchtbar viel und schrecklich wichtiges zu sagen... stundenlang... Zum Glück gibt es noch Platzregen und Durchfall - beides natürliche Ermahnungen an die Mäßigung, vor allem bei Predigten und Predigern.

Kommen wir zum Punkt: Wandert mit mir ein Stück durch meine Vergangenheit - solange es Euch Spaß macht, und amüsiert Euch auch ruhig über das Krumme und schlecht Gewachsene darin. Es gehört dazu.
Ethren


Es began im Jahr 1338...
Geboren irgendwann im Frühjahr, auf dem kleinen Hof meines Vaters am Nordwestrand Nathlekks erlebte ich meine ersten sechs ärmlichen aber fröhlichen Jahre zusammen mit Bruder Sandro. Ich erinnere mich noch gerne der Spiele mit einigen anderen Kindern des Dorfes in den schmutzigen Straßen. Zu den seltenen Abenteuern gehörten auch Schiffahrten, kleine Ausflüge mit dem Paddelboot zu denen uns Ashar, ein älterer Sohn eines Fischers am Ort hin und wieder mitnahm. Unser Meer war der Ufersaum des Sees, welcher sich in leichtem Bogen von Nathlekk aus nach Norden zog. Mutter erfuhr einmal von unseren Ausflügen, und ich bezog Prügel - ich konnte nicht schwimmen. Irgendwie war es eine glückliche Zeit, in meiner Erinnerung schien immer die Sonne, es gab nicht viel zu tun, und wenn, dann erinnere ich mich nicht mehr daran.
Doch dann änderte sich viel: Mutter starb, kurz nach meinem sechsten Geburtstag nach der Geburt meiner Schwester Gedron am Fieber. Mein Bruder Sandro, gerade neun Jahre alt, musste meinem Vater zur Hand gehen, so dass ich mich vorerst um Gedron kümmern musste. Vater fand, zu unser aller Glück, jedoch bald eine neue Frau, Minaith, alles andere als schön, aber fleißig und nett. Sie kümmerte sich um Gedron und den Rest der Familie, während ich nun auch auf die Felder musste. Am liebsten kümmerte ich mich um unsere kleine Schafherde, es war allemal interessanter die Herde an den Waldrändern entlang zu führen oder auf die Naßwiesen neben dem Dorf, nahe beim See des langen Armes, wie er genannt wurde (unser Meer), als mit der Holzharke Stunde um Stunde in der Sonne auf dem trockenen Acker zu stehen und am Staub zu ersticken. Leider waren die Schafe meist auf einem kleinen Wiesenstück neben unserem Hof und mussten nicht beaufsichtigt werden. Minaith wurde schwanger und brachte Tamara zur Welt, meine Halbschwester. Dies geschah einige Zeit nach meinem achten Geburtstag.
Als ich gerade neun wurde kam nach einem viel zu nassen Sommer die Schweinepest über das Dorf, wir verloren unsere vier Hausschweine. Die Ernte war dürftig, das Getreide verfaulte auf dem Feld. Es war der Beginn eines kalten Decils, wie es die Guldmere-Region noch nie gesehen hatte. Mit dem schlechten Wetter und einem kurzen, kalten Herbst kamen die Wölfe aus den tiefen des benachbarten Guldmere-Waldes. Wir verloren gut die Hälfte unserer Schafe als ich eines nebligen Nachmittags mit der Herde von einem ganzen Rudel Wölfe überrascht wurde, zuerst versuchte ich noch, die Herde zu verteidigen, dann verteidigte ich nur noch mich selbst mit einem Stock, schließlich rannte ich schreiend, mit zerfleischtem Arm und zerrissener Kleidung nach Hause. Mein Vater suchte mit Freunden eine ganze Woche, bis er noch 12 der einstmals 27 Tiere wiederfand. Ich selbst lag, von einem heftigen Fieber geschüttelt in meiner Kammer und konnte Traum und Wirklichkeit kaum mehr unterscheiden. Ich hörte die Wölfe.
Kurz darauf kam der Sturm der viele Häuser zerstörte, Bäume fällte und noch mehr Not über das Dorf brachte. Ich hörte, halb im Traum, wie Vater mit Sandro zusammen in der Nebenkammer flehte, während der Wind an den Wänden zerrte, ich hörte Namen, Erinnerungen die mir nichts sagten, ein schreckliches Gesicht in der Wand, stechend gelbe Augen und ein gräßliches Lachen, mein schwerer Atem und der Terror der Wahnsinns in einem fiebrigen Verstand. Es blieb eine vage Erinnerung an die „Schwarzen“, die durch das ängstliche Getuschel des Dorfs kreisten. Es war der Beginn der Zeit, als erstmals Schnee und Hagel die Hügel und Wälder verhüllte. Und es kam noch jemand, er kam in meine Kammer und sprach mit mir, er wusch mich mit einer braunen Brühe und stopfte mir bittere Blätter in den Mund. Meine Stiefmutter stand neben ihm und half ihm so gut sie konnte. Doch die Worte und das Gesicht sind verblaßt, wie die Erinnerung eines Traumes nach dem Erwachen. Mit ihm ging das schreckliche Gesicht, der Schlaf kam. Mein Fieber verging, ich war nun magerer aber wieder bei vollem Verstand. Es stand nicht gut um unseren Hof, wir hatten viel verloren und wenig zu Essen, nur der Sturm war gnädig gewesen und hatte bei uns wenig zerstört, anderen hatte er Dach, Scheune oder alles genommen. Es war bereits sehr kalt, der Winter kam rasch. Gerade als zum ersten mal in meinem Leben Schnee fiel rief mich mein Vater und sagte mir, dass der Hof nicht mehr alle ernähren könne, und er deshalb mit Temar, dem örtlichen Schreiner und Zimmermann gesprochen habe, ob er mich als Bursche nehmen würde. Damit änderte sich viel...

Holz und Würmer

Zunächst schlief immer noch auf unserem Hof, und machte mich bereits am frühen Morgen auf den Weg quer durch das Dorf um pünktlich bei Temar zu sein. Ich durfte bei der Hausmagd essen, ein täglicher Spießrutenlauf, denn sie mochte mich nicht - was auf Gegenseitigkeit beruhte. In den ersten Monaten half ich bei allen möglichen Arbeiten, vornehmlich den unangenehmen. Temar erkannte jedoch, dass ich ein gewisses Talent hatte, und vor allem rasch Begriff, so dass er mich in meinem zehnten Lebensjahr zu Eleasias als Burschen anerkannte. Er lehrte mich zuerst, gutes von schlechtem Holz zu unterscheiden, zeigte mir wie aus einem Stamm Balken oder viele dünne Bretter geschnitten wurden und schließlich, wie man aus Balken und Brettern Möbel und andere Gegenstände schuf. Er unterwies mich in der Zubereitung der Rindensude, die das Holz auch im Regen haltbar machten, und wie man einfache Farben für den Grundanstrich gewann. Schließlich bekam ich eine Kammer im Haus Temars zugewiesen, und wurde ein geduldeter Teil der Familie. Und für eine kleine Weile war meine Welt richtig in Ordnung.
Ich war gerade (ungefähr) elf geworden, als erneut ein Schatten auf Nathlekk fiel. Eine unbekannte Krankheit fällte die Menschen und viele starben. Auch Temars einziger Sohn, ein Jahr jünger als ich, wurde in nur drei Wochen vom Fieber aufgezehrt. Temar ließ sich den furchtbaren Schlag nicht anmerken. Als sein Sohn begraben war ging er mit mir in die Werkstatt und arbeitete, wie üblich, wie ein Besessener. Unüblich war, dass er dabei kein Wort sprach, weder Lob noch Tadel, kein Wort des Zorns oder der Trauer. Nur das leise Knirschen des Holzes war zu hören, wenn sein Schnitzwerkzeug feine Späne abhobelte - sein Blick starr und ausdruckslos auf das Werkstück gerichtet. Das war mir Unheimlich und machte mir Angst.
Seine Frau hingegen jammerte durchs ganze Haus und trauerte noch Jahre. Einzig die Magd schien ihre Freude zu haben - ich mochte sie noch immer nicht!
Doch noch etwas änderte sich: Temar achtete ab diesem Zeitpunkt weit stärker als früher darauf, dass ich nicht immer die gleiche Arbeit tat, sondern immer wieder mit neuen Werkzeugen konfrontiert wurde. Er legte Wert darauf, dass ich, nicht wie früher nur die groben Dinge erledigte, sondern auch ein Stück bis zum Ende bearbeitete, das Holz und die Kanten glättete, kleine Fehler ausbesserte und die Güte prüfte. Diese Arbeiten hatte er früher mit seinem Sohn zusammen vollbracht. Ich erinnere mich noch gut: Er bearbeitete und der Kleine schaute zu. Ich war sehr stolz, nun auch diese Dinge selbst tun zu dürfen.
Das Zurechtsägen des Holzes und das Passschleifen wurde nun von zwei Jungs, die etwas jünger waren als ich erledigt. Sie hatten im Sommer als Burschen bei Temar begonnen. Es war kein schlechtes Gefühl, die beiden fast Gleichaltrigen zu beobachten, wie sie sich mit etwas noch Stunden abmühten, das mich, wie ich selbstzufrieden feststellte, keine halbe Stunde mehr beschäftigt hätte.
Meine Ausbildung ging weiter. Ich lernte nach und nach die feinere Holzbearbeitung, die Meister Temar sonst allein in seiner Ecke erledigt hatte. Er zeigte mir, wie ich einfache Verzierungen einschnitzen konnte, welche wirkungsvollen Muster es gab, die schön aussahen aber schnell und leicht einzuritzen waren und dergleichen. Verzierungen und die Farbbeize machten mir von allen Arbeiten den größten Spaß, und Temar bemerkte, obwohl ich bei den Tischlerarbeiten manchmal etwas ungeschickt war, das ich darin wohl mein größtes Talent hatte.
Ich wurde gerade zwölf, ich feierte dieses (von mir frei erfundene) Datum mit aller Bescheidenheit bei Temar, meine Eltern arbeiteten auf dem Feld und hatten keine Zeit für mich (außerdem wußten sie ja nichts von meinem Geburtstag), als Temar mir beim Essen eröffnete, dass er mich fortschicken wolle. In Sternmantel gab es eine Gilde der Schnitzer und Kunstmaler, und er sagte, dass er es gerne sähe, wenn aus seinem Haus neben Tischen und Stühlen auch einmal ein kleines Kunstwerk oder dergleichen käme. Ich war mir sicher, dass es ihm völlig gleichgültig war, was aus seiner Werkstatt kam, solange es gute Ware war. Um so erfreuter war ich über dieses Geschenk, auch wenn ich mich etwas vor den neuen Aussichten fürchtete.

Gildenfilz

Bereits zwei Tage später machte ich mich mit Temar und meinem Vater zusammen auf den Weg nach Sternmantel. Mit einem Sack voll Proviant, guten Wünschen und jede Menge Lampenfieber auf meiner Seite stapften wir durch den Wald. Großer Ginster, war ich aufgeregt! Vor lauter Lampenfieber hatte ich ständig feuchte Hände und gewisse Verdauungsprobleme.
Wir erreichten Sternmantel nach zwei Wochen. Der Marsch hatte Temar sehr zugesetzt. Sternmantel war laut und stank. Ich war etwas verwirrt von den vielen Menschen (Sternmantel ist nichts weiter, als ein besseres Dorf, aber das wußte ich damals noch nicht). Wir fanden das Gildenhaus bald und traten ein. Der Gildenvorstand sprach lange mit Temar, der ihm schließlich drei Goldstücke übergab. Ich verschluckte mich in Anbetracht des vielen Geldes. Dann wurde ich nur zwei Häuser weiter zu einem großen, fetten und mürrischen Mann gebracht der, wie ich erfuhr, die Ausbildung der jungen Künstler, wie er spöttisch sagte, leitete. Wir waren neun neue Burschen. Ich sah ihn nicht mehr oft, dafür spürte ich einen anderen um so öfter:
Darren, der Werkstättenmeister, ein ebenso großer wie starker Mann mit düsterem Gesicht. Das gefährlichste an ihm war sein Jähzorn, der ihn öfter einen der Burschen mit einem Ständer, Scheit oder mit den blosen Händen blutig prügeln ließ. Er vermochte zu rasen wie ein Stier; ich hatte schreckliche Angst vor ihm. Die Nächte waren nicht weniger unangenehm: der große Schlafsaal im Keller war feucht und kalt. Die Luft roch sauer, und fast immer war einer der Jungs erkältet und hustete die halbe Nacht. Wir teilten ihn mit den fünf Burschen, die schon ein Jahr in der Ausbildung standen. Drei der älteren Burschen wurden Nachts hin und wieder von Darren aus ihren Betten geholt, er grölte dann und weckte alle mit seinem Geschrei und schleppte einen von den dreien hinaus. Ich habe nie recht erfahren, was er mit ihnen tat, sie sprachen nie darüber. Tagsüber strengten wir uns geradezu höllisch an, um nicht Darrens Mißmut zu wecken, und schnitzten und zeichneten um die Wette. Es half nichts, spätestens nach zwei Tagen bekam irgend jemand seinen geschnitzten Balken ins Gesicht geschlagen, oder, wenn er gerade zeichnete, Prügel mit der bloßen Hand. Ich hatte eigentlich ständig blaue Flecken. Darren trank.
Die Schläge und das, selbst für meine Verhältnisse, schlechte Essen nahm mir fast alle Freude an der neuen Arbeit. Die anderen Jungs und ich lernten rasch, dass es nur auszuhalten war, wenn wir zusammenhielten und uns gegenseitig den Rücken stärkten. Mag sein, dass dies zum Teil beabsichtigt war, denn alle paar Wochen wurden wir in einen großen Raum gerufen, wo der Fette uns dann einen Vortrag über die Gilde, die Zusammengehörigkeit der Gildenmitglieder und unserer Verpflichtung der Gilde gegenüber hielt. Er wurde auch nicht müde, zu betonen, daß unser Handwerk ein Erbrecht war, wobei er mich immer etwas schärfer anschaute. Ich langweilte mich trotzdem meist entsetzlich und schlief manchmal ein, was mir prompt Prügel einbrachte. Trotzdem wurden unter den Schlägen selbst die notgedrungen Freunde, die sich wahrscheinlich sonst angespuckt hätten. Nach zwei Monaten waren bereits zwei der Burschen verschwunden und auch ich dachte mehr als einmal daran wegzulaufen, die drei Goldstücke und die Vorstellung des enttäuschten Gesichts Temars hielten mich jedoch davon ab.
Ich hatte keine blasse Ahnung, wie lange man für soviel Geld arbeiten mußte... ich war mir nur sicher, dass es mehr Geld war, als mein Vater in seinem ganzen Leben jemals besessen hatte. Weglaufen war also keine Alternative. Ich mußte durchhalten.
Nach nur drei Monaten wurde uns verkündet, dass wir einen Monat frei hätten, um zu unseren Familien zurückzukehren und dort zu helfen. Ich machte mich sofort auf den Heimweg und hatte dazu noch das Glück auf einem Karren mitgenommen zu werden. So erreichte ich Nathlekk bereits fünf Tage später. Mein Vater freute sich mäßig mich wiederzusehen, Temar jedoch war ganz außer sich und sprach den ganzen Rest des Tages mit mir. Ich musste ihm erzählen was ich bereits gelernt hatte: Grobskizzen, Farblehre, Schnitzwerkzeuge und dergleichen. Meine Erfahrungen mit Darren, dem Essen und dem Schlafraum behielt ich für mich. Nach nur sechs Tagen machte ich mich, wesentlich langsamer, wieder auf den Rückweg nach Sternmantel.
Der Sommer ging vorbei, der Herbst kam, Darren schrie und schlug noch immer, und der Schlafraum wurde nasser und kälter. Ich hatte schon seit geraumer Zeit eine leichte fiebrige Erkältung, doch langsam wurde das Fieber heftiger. Ich verlor beträchtlich an Kraft, meine Hände vollführten am Schnitzklotz wahre Katastrophen und raubten Darren den letzten Rest Selbstbeherrschung. Schließlich zerrte er mich zu dem Fetten und sagte, dass aus mir nie ein talentierter Schnitzer werden könne, ich sei viel zu ungeschickt.
Ich konnte nicht anders, ich zitterte und spürte, wie Tränen meine Augen füllten. Ich schämte mich entsetzlich. Der Fette sah mich an, winkte mich zu sich her, faßte mich am Kinn und sah mir ins Gesicht. Dann fuhr er mir über die fiebrige Stirn und schüttelte den Kopf.
Der Junge ist krank, hat er schon die Farbenlehre?
Darren bejahte.
Dann steck ihn zu den Malern.
Darren protestierte, ich sei mit der Schnitzerei lange noch nicht fertig, es sei zu früh; doch der Fette meinte nur, die Reihenfolge sei egal. Es war das erste mal, dass ich einem Erwachsenen in der Gildenstraße dankbar war.
Darren bestand darauf, dass ich Morgens wenigstens drei Stunden bei der Schnitzerei zubrachte, den Rest des Tages saß ich im beheizten Raum der Maler. So ging es mit dem Fieber, mit der Schnitzerei und der Malerei langsam bergauf. Ich lernte die Grundlagen der Farbanwendung, verschiedene Maltechniken, verschiedene Untergründe, deckender Strich auf Holz und Stoff und dergleichen. Der wärmere Malerraum tat seine Wirkung, ich fühlte mich des Abends meistens wohler als am Morgen, wenn ich in der feuchten Kälte erwachte. Schließlich wagte ich es, des Nachts in den Malerraum zu schleichen und dort zu übernachten. Dies ging zwei Wochen gut und das Fieber sank, doch dann wurde ich eines Nachts von Darren entdeckt, als er mit einem 'seiner' drei Burschen in den Malerraum kam. Er schrie und tobte als er mich entdeckte, dann warf er mich aus dem Haus. Ich verbrachte den Rest der Nacht zitternd unter einem Treppenvorsprung. Das Fieber kam zurück.
Es war Spätherbst, der Regen fiel, als uns wieder eine freie Zeit angekündigt wurde. Ich lag des Nachts, wie schon seit Tagen, matt und frierend auf meinem Lager und starrte in dem dämmrigen Licht an die Holzdecke. Und es schien mir, als würden mich, durch zwei Astlöcher über mir, zwei schwefelgelbe Augen fixieren. Augen die ich kannte. Ich drehte mich um und versuchte zu schlafen, in meiner Erinnerung hörte ich ein Lachen. Am Morgen rief mich Maleas, unser Lehrmeister der Malerei zu sich und sah mich lange an, schließlich gab er mir zwei Silbertaler und sagte:
Versuch gesund zu werden Junge, du hast Talent.
Dann drehte er sich um und ging. Zum zweitenmal war ich erstaunt und dankbar, gleichzeitig fiel es mir nun weniger leicht die Gildenschule zu hassen.

Cashron

So verließ ich nach dem unerwarteten Geschenk ebenfalls den Raum, den Gang und das Gebäude - und stand im Regen. Nachdenklich wandte ich mich in Richtung Nathlekk. Schlurfte durch die aufgeweichten Straßen von Sternmantel, die zu erkunden ich kaum Zeit gehabt hatte und ließ die Stadt schließlich hinter mir.
Ich war kaum ein paar Stunden unterwegs und mitten in einem Waldstück, als es bereits wieder zu dämmern begann. Ich erschrak über die Kürze der Tage und überlegte, wie ich die Nacht verbringen sollte. Mir war nicht gerade sehr wohl bei dem Gedanken an eine Übernachtung mitten im Wald, aber dessen Ende vermochte ich nicht abzuschätzen. Schließlich erklomm ich einen Baum am Wegesrand und versuchte mich oben für die Nacht einzurichten. Ich war kaum im Halbschlaf, als mich ein langgezogenes Wolfsheulen wieder wachrüttelte. Der Regen hatte aufgehört, trotzdem vernahm ich unablässig das Klatschen schwerer Tropfen, die von den Blättern der Bäume hinab ins nasse Herbstlaub fielen. Dann hörte ich ein Rascheln und das Knacken von Zweigen. Vor Schreck und Angst schüttelte mich ein heftiger Hustenanfall, schließlich erbrach ich mich röchelnd. Wie zur Antwort begann etwas am unteren Baumrand zu knurren und an der Rinde zu kratzen. Es war noch weiteres Rascheln und Knacken zu hören. Ich saß zitternd auf meinem Ast und hoffte hoch genug zu sein, sehen konnte ich nichts. Immer wieder hörte ich das Knurren, manchmal ein seltsames Geräusch, gefolgt von dem Schnappen eines Kiefers, danach ein dumpfer Aufschlag - die Wölfe versuchten nach mir zu springen. Ich machte mich so klein wie möglich und wagte kaum mehr zu atmen. Ich bildete mir förmlich ein, wie mich von überall her gelbe Wolfsaugen anstarrten. Dann schlief ich wohl doch vor Erschöpfung ein.
Als ich wieder erwachte hörte ich nur noch vereinzelt das Klatschen der Tropfen. Von den Wölfen hörte ich nichts. Mir war bitterkalt, ich war völlig durchnäßt und meine Finger waren gefühllos. Ich war mir sicher, dass sie immer noch am Fuß des Baumes warteten und verfluchte meine Sorglosigkeit, nicht einmal an eine Fackel hatte ich gedacht. Dann hörte ich Schritte. Zuerst dachte ich, ich würde mir das regelmäßig schmatzende Geräusch der Schritte im aufgeweichten Boden nur einbilden, doch dann wurde es lauter und deutlicher. Es konnte kein Zweifel bestehen: jemand kam mitten in der Nacht langsam den Weg entlang. Ich wußte nicht, ob ich mich fürchten oder freuen sollte, schließlich siegte die Furcht. Die Furcht das jemand der bei Nacht durch den Wald läuft mit Sicherheit kein Mensch sein konnte. Gleichzeitig wartete ich voller Angst auf das Knurren, auf Kampfgeräusche und auf die Schreie des Fußgängers, wer auch immer es sein mochte.
Nichts geschah, außer das ich mich durch einen neuen heftigen Hustenanfall völlig verriet. Die Schritte verstummten. Meine Gedanken rasten, ohne zu einer Lösung zu kommen. Ich war entdeckt! Ich entschied mich schließlich für die Flucht nach vorn und schrie mit allem Nachdruck:
Vorsicht, unten sind Wölfe!
Dann schloß ich innerlich mit meinem Leben ab. Erst herrschte nichts als Stille, in der ich mit angehaltenem Atem versuchte, jedes Geräusch zu deuten. Doch ich hörte nur meinen pochenden Herzschlag, und fühlte einen neuen Hustenreiz, den ich entschieden unterdrückte. Dann antwortete eine rauhe aber freundliche Stimme:
"Ich weiß, hier waren Wölfe.
Dann herrschte wieder Stille. Innerlich glücklich über die Tatsache immer noch am Leben zu sein wurde ich mutiger und meinte:
Es ist aber gefährlich, mitten in der Nacht unbewaffnet durch den Wald zu gehen.
Der andere lachte und erwiderte:
Nicht gefährlicher als mitten in der Nacht einen Wanderer vom Baum aus anzuhusten...
Ich hörte einen metallischen Klang.
Und außerdem, ich bin nicht unbewaffnet...
Mein Mut war genauso schnell verflogen, wie er mich ereilt hatte. Unsicher fragte ich:
Und wer bist du?
Der andere meinte lakonisch:
Komm herunter und schau's dir an!
Und wenn nicht?
Fragte ich in einem Anflug von Trotz.
Dann komm ich rauf.
Die Antwort des Fremden klang irgendwie belustigt. Ich rutschte vorsichtig am Stamm hinunter und schaute auf den Weg. Dort sah ich aber nichts als eine schwarze Silhouette, die sich schwach im eben durch die Wolken brechenden Mondlicht abzeichnete. Der Wind frischte auf und ich fror und fieberte vor Kälte, Erregung und Erschöpfung.
Komm aus der Dunkelheit. Dort hinten, hinter dem großen Busch lauern noch zwei Gelbäugige.
Ohne viel zu überlegen rannte ich auf den Weg, weg von den Büschen, und suchte Schutz bei der dunklen Gestalt.
Der Fremde lachte wieder und fuhr mir durchs Haar:
Zumindest waren bis vor kurzem noch zwei Gelbaugen hinter dem Busch...
Ich kam mir ziemlich überrumpelt vor. Dann sprach der Fremde weiter:
Mein Name ist Cashron, aber laß uns jetzt weiter gehen, wir sind beide naß, es ist kalt und wir brauchen Bewegung.
Er ging mit langsamen aber großen Schritten unvermittelt weiter, ich rannte halb hinterher.
Wie heißt du und wohin willst du mitten in der Nacht?
führte er das Gespräch weiter. Ich erzählte ihm während wir durch die Nacht wanderten von meiner Ausbildung und einigen anderen Dingen aus der Vergangenheit. Von ihm erfuhr ich, dass er Cashron hieße und dass er auf dem Weg zu einer Versammlung sei.
Wir trockneten unsere Kleidung in der Morgensonne, Cashron entfachte ein Feuer und bereitete so etwas wie einen Kräutertee. Er schmeckte widerlich, aber er war heiß und mir war kalt. Erst als ich schon getrunken hatte bemerkte ich, dass er sich einen süßlich duftenden Sud zubereitet hatte, der allem Anschein nach auch wesentlich besser schmeckte. Ich äußerte mich dementsprechend. Er lachte nur und meinte, mit einem Malventee sei kein Fieber auszutreiben. Ich fühlte mich unsagbar dumm. Wir bereiteten ein Lager auf einer Lichtung. Ich schlief den ganzen Tag hindurch, bis es bereits wieder zu dämmern begann. Er musste schon früher aufgestanden sein, denn es roch nach gebratenem Fleisch, und ein Becher heißen Kräutersuds stand neben meinem Ruheplatz. Ich trank ihn und fühlte förmlich, wie er mir Kraft zurückgab. Er schmeckte nicht ganz so schrecklich wie der am Morgen. Wir aßen, dann löschte Cashron das Feuer und wir wanderten in die Nacht.
Fünf Tage später kamen wir im Dorf an. Er gab mir noch einen Beutel voll mit seiner Teemischung und trug mir auf welchen zu trinken, wenn das Fieber zurückkäme. Dann ging er am Dorf vorbei, seinem Ziel entgegen. Ich wohnte wieder bei Temar, meine Stiefmutter war krank und Gedron kümmerte sich so gut sie konnte um sie. Mein Vater meinte, dass ich nicht helfen könne, so blieb ich die ganze Zeit bei Temar.
Es war eigentlich wie beim ersten mal, ich erzählte und gab kleine Proben meines Könnens. Ich bemerkte deutlich, dass es ihm mißfiel, dass ich mich so sehr der Malerei zugewandt hatte, also betonte ich in meinen Erzählungen die Schnitzerei dafür um so mehr. Das Essen war ungewöhnlich üppig und gut - die Magd war entlassen worden, nachdem man sie beim stehlen erwischt hatte, und die neue Magd schien eine wahre Hausperle zu sein.
Ich half unter Tags ein wenig in der Werkstatt, schnitzte ein einfaches Ornament in einen Holzrahmen, schnitt mir dabei in den Finger, und redete viel mit den beiden Burschen und Temar. Doch bereits nach acht Tagen, es hatte begonnen zu schneien, ein nasser und schwerer Schnee der großflockig vom Himmel fiel, musste ich mich wieder auf den Weg machen. Ich verabschiedete mich von Temar, besuchte Vater und Stiefmutter und machte mich dann auf den Weg. Es war das letzte mal, das ich Minaith lebend sah.

Ein fast glückliches Lehrjahr

Eine Händlergruppe, die das Dorf besucht hatte, machte sich gerade bereit für die Abreise nach Sternmantel. Da ich als Junge ohne Probleme und ohne Wachgebühr mitreisen konnte, schloss ich mich bereitwillig an, froh den langen Marsch durch die ausgedehnten Wälder nicht alleine bewältigen zu müssen. Es war eine gute Entscheidung gewesen. Nachts hörte ich die Wölfe, wie sie um unser Lager schlichen, aber wir sorgten dafür, dass das Feuer immer brannte, und hatten so unsere Ruhe. Nach nur zehn Tagen kamen wir in Sternmantel wohlbehalten an. Ich begab mich wieder in die Gildenschule, eigentlich nur eine eitle Nachbildung einer echten Gilde, wie ich von einem Mitreisenden erfuhr, der mir phantastisches über die wirklich großen Städte erzählte. Ich hütete mich jedoch etwas in dieser Richtung laut zu sagen. Die Ausbildung lief ihren üblichen Gang, ich war im Zeichnen und Malen, sehr zu meiner Überraschung, tatsächlich talentierter als im Schnitzen. Das hatte zur Folge, dass ich wieder den ganzen Tag schnitzen musste, um darin mit den anderen gleichzuziehen. Maleas erlaubte mir jedoch, des Abends noch etwas zu malen. Ich fand wirklich gefallen daran. Außerdem war es eine Gelegenheit sich aufzuwärmen.
Wir waren nur noch fünf, die anderen waren freiwillig gegangen oder waren heimgeschickt worden. Da wir nun schon länger als ein halbes Jahr in der Ausbildung standen, mutete man uns auch schon einfache Auftragsarbeiten zu. Kleine Dinge wie verzierte Axtstiele oder kleine Rahmen. Alles Waren, die ich bei Temar eigentlich auch schon hergestellt hatte. Lediglich die Verzierungen waren anspruchsvoller. Trotzdem verfiel ich des öfteren auf die 'einfachen' Muster Temars, die, vom Gespotte Darrens abgesehen, auch immer den Käufer zufriedenstellten; letztendlich verlangte man von uns ja noch keine Kunstwerke. Die Nächte im Schlafsaal waren nun doch sehr kalt, dafür hatte aber jeder eine zusätzliche Decke bekommen, so dass es auszuhalten war. Trotzdem erkältete ich mich schon nach kurzer Zeit erneut. Das Fieber lies jedoch glücklicherweise auf sich warten. Zu allem Überfluß steckte ich gerade mitten im Stimmbruch und verlor meine Stimme dank der Erkältung komplett.
Der Winter verlief ansonsten ereignislos, ich schnitzte und an manchen Abenden malte ich. Darrens Prügeleien hatten etwas nachgelassen, dafür trank er nun offensichtlich um so mehr. Eines Morgens sah ich ihn im Aufgang des Kellers liegen, neben ihm eine Lache Erbrochenes, seine Hose durchnäßt und alles eingehüllt von einer sauren Fäkalien- und Alkoholwolke. Ich schüttelte mich innerlich vor Ekel. Noch schlimmer war, dass er sich so später in die Werkstatt begab, er stank erbärmlich. Es gelang mir an diesem Morgen nicht, mich zu konzentrieren und prompt bezog ich Prügel. Nachmittags jedoch hörten wir dann einen heftigen Streit aus dem Nachbarhaus. Darrens Stimme war unverkennbar daran beteiligt. Wenig später kam er frisch gekleidet und offensichtlich gewaschen zurück in die Werkstatt, wo er prompt zwei Jungs verprügelte. Ich hatte Glück.
Die Stimme kam etwas tiefer wieder, die Erkältung blieb. Der Winter hatte seinen Höhepunkt überschritten und ich schnitzte immer noch mit den anderen. Seit einigen Wochen hatten wir nichts neues mehr dazugelernt, sondern bearbeiteten irgendwelche Auftragswaren. Ich hatte noch erhebliche Schwierigkeiten mit den Rundschnitzereien und erhielt natürlich eine nach der anderen. Darren war ein unmöglicher Lehrer, aber offenbar ein guter Beobachter. Dafür lernte ich von Maleas ein wenig über die Kunst in den Städten, über Stimmungen und Dramatik in Bildern. Er war in meinen Augen ein Meister im Einsatz der Farben. Schließlich erreichte er bei Darren, dass ich auch tagsüber wieder in der Malstube arbeiten konnte. Er hieß mich das Abzeichnen üben. Skizzen, Pläne, Muster, er war nicht eher zufrieden bis Original und Kopie in meinen Augen ununterscheidbar waren. Dann ließ er mich Bildvorlagen kopieren, Graurisse, Farbskizzen, Farbzeichnungen. Damit kam ich eigentlich sehr gut zurecht. Manchmal erlaubte ich mir kleine Änderungen, zu meiner Enttäuschung litt das Ergebnis dadurch meist. Schließlich begannen wir mit echten Vorlagen, Klötze, Stoff, Krüge und Gläser. Er hieß mich, das Wesen und die Struktur der Dinge einzufangen, eine Aufgabe an der ich vorerst scheiterte. Alles wirkte flach und falsch.
In Maleas fand ich tatsächlich so etwas wie einen Freund. Während ich mich mühte den Dingen die richtige Form und Farbe auf den Übungtafeln, den auswaschbaren Tüchern oder, seltener, dem Pergament zu geben, was mir bei einfachen Motiven nach und nach gelang, unterhielten wir uns oft über Verschiedenes. Ich erfuhr etwas von seiner Herkunft, weiter oben, aus dem Norden, jenseits eines großen Wassers. Er erfuhr fast alles aus meinem, für ihn wohl eher ereignislosen Leben. Die seltsame Geschichte mit Cashron amüsierte ihn besonders, und er ließ sich alle Details berichten. Ich glaube, in jener Zeit war ich tatsächlich glücklich in der Gildenschule. Ich erfuhr auch, dass demnächst wieder ein paar Burschen mit ihrer Ausbildung beginnen würden. Das Gefühl, nun zu den älteren zu gehören machte vieles auch leichter erträglich.

Wendepunkt...

Es war zu der Zeit, da der Schnee auf den Wegen längst geschmolzen war, als Sandro eines Tages auftauchte. Er machte nicht viele Worte sondern meinte nur:
Mutter ist im Winter gestorben, nun ist Vater krank, du musst zurückkommen und auf dem Hof helfen.
Er schaute nur kurz auf den mißglückten Entwurf zweier, mit blauer Tinte gefüllter Gläser die etwas hintereinander standen. Ich hatte mir das mit dem Glas und den Lichtreflexen in den Kopf gesetzt - und es sah entsetzlich aus. Er zischte verächtlich und drehte sich kopfschüttelnd um. Ich ging mit ihm zusammen zu dem Fetten, seinen Namen habe ich inzwischen vergessen, und er sprach mit ihm. Schließlich wurde es ziemlich laut, dann wandte sich Sandro zur Tür, packte meinen Arm und zog mich mit sich. Ich war entsetzt und unglücklich.
Meister Temar wird nicht einverstanden sein...
versuchte ich meinen eigenen Unwillen über den Lauf der Dinge in Worte zu fassen. So traurig es klingen mag, aber ich fühlte mich Temar inzwischen mehr verbunden als meiner Familie.
Temar ist ein Narr!
schalt Sandro.
Während deine Familie verhungert sitzt du hier im Warmen und verschmierst Farbe. Es ist Frühling, wir haben alle Hände voll zu tun.
Ich wollte etwas entgegnen, aber er schrie mich an ich solle meinen Mund halten. Dann nahm er mich in den Arm, ich fühlte wie er zitterte. Irgend etwas lief falsch, so zumindest war mein Eindruck. Wir machten uns auf den Rückweg, er war mit dem Esel und dem Karren nach Sternmantel gekommen und hatte verschiedene Dinge gekauft.
Vier Tage später waren wir bereits wieder in Nathlekk. Ich bezog widerwillig meine alte Kammer, sie war ärmlicher als ich sie in Erinnerung hatte. Das Bett war inzwischen viel zu klein, ich zog die Strohsäcke auf den Boden und richtete mich dort ein. Dann ging ich zu Temar, irgendwo musste ich mir Rat holen. Ich wußte nicht mehr was richtig oder falsch war. Doch Temar war kalt und abweisend, er zischte wir wären ein undankbares Pack, mein Bruder, ich und mein Vater obendrein. Ich erschrak, so hatte ich ihn selten erlebt. Er wies mich vor die Tür, mein Bruder hatte also bereits alles mit ihm 'besprochen'. Das sie sich geschlagen hatten erfuhr ich erst viel später. Temar wurde bereits alt, mein Bruder war gerade siebzehn und sehr kräftig, er hatte seinen Willen durchgesetzt. Niedergeschlagen und traurig ging ich zum Hof zurück.
Mein Vater lag apathisch in seiner Kammer, er trank kaum und aß nichts mehr. Es fiel mir sehr schwer, mich wieder an die rauhe, ganz andere Arbeit auf dem Hof zu gewöhnen. Noch schlimmer war die Verachtung, die mir seitens meines Bruders entgegenschlug. Er sprach nicht viel, aber das was er sagte ließ mich deutlich spüren, dass er mich für einen verwöhnten Günstling hielt. Er war selten mit dem zufrieden was ich leistete. Mit dem Frühsommer kam die Arbeit auf dem Feld. Wir hatten wenig zu essen, der Hof wirkte heruntergekommen und die Kleider waren löchrig und schmutzig. Gedron war erst elf und schaffte es nicht, mit mehr als dem nötigsten fertig zu werden. Sandro war ständig gereizt, oft auch betrunken. Aber das fiel mir selten auf, Gedron sagte es mir, sie kannte ihn besser. Es war kurz nach meinem 14. Geburtstag als das Mißgeschick mit dem Eselskarren passierte.

und Menetekel

Es war ein ungewöhnlich warmer Tag gewesen, nun tobte schon das zweite Abendgewitter, die Wege waren aufgeweicht und matschig. Der Karren stand draußen auf dem Feld, ein gutes Stück Weg vom Hof entfernt. Sandro war Morgens mit dem Esel, dem Karren und einem Sack Getreide dorthin gefahren. Abends kehrte er ohne Karren, nur mit dem Esel und betrunken zurück. Gedron hatte mir zugeflüstert, dass er sich seit dem Tod meiner Stiefmutter regelmäßig mit ein paar Anderen zusammen betrank. Er schwankte unsicher und sprach laut:
He Galead, du hast den Wagen auf dem Feld gelassen, du Nichtsnutz. Mach dass du rauskommst und ihn holst!
Ich wollte etwas erwidern, aber der Blick meiner Schwester hielt mich davon ab. So ging ich in den Hof und warf die Reitdecke über den Esel. Sandro stand an der Tür und rief:
Der Esel bleibt hier! Herr Hochwohl hat Beine um zu laufen.
Ich begann ihn zu hassen. Er war wie Darren - anders, aber irgendwie doch gleich. Ich konnte nicht recht fassen, wie das Geschehen war.
So ging ich also zu Fuß den Weg hinaus um den Karren zu holen. Auf dem Rückweg, an einem steilen Wegstück passierte es dann: ich glitt im Matsch aus und stürzte. Der Wagen kam langsam in Fahrt, doch ehe ich mich wieder aufgerappelt hatte war er bereits unerreichbar und raste den Abhang hinunter. Unter kippte er um und rutschte vom Weg in den benachbarten Rain. Ich rannte hinunter und begutachtete das Unglück. Zwei der Holzspeichen und die Radfelge des hinteren Rades waren gebrochen, es musste abmontiert und repariert werden. Ich kam zurück wie ich gegangen war, ohne Wagen, nur schmutziger und nasser.
Sandro stand in der Tür und rauchte. Als er mich kommen sah blickte er mir düster entgegen.
Was war los? Wo ist der Karren?
Ich murmelte etwas von dem Rad und schob schnell nach, dass die Reparatur für mich kein Problem sei. Er erwiderte unnatürlich ruhig:
Soso, das Rad ist kaputt. Er macht das Rad kaputt und spaziert dann grinsend in den Hof. Er kann sowas reparieren, natürlich, er hat ja was gelernt im Gegensatz zu uns, deshalb kann er es sich ja auch erlauben alles kaputtzumachen. Nicht wahr, Schwesterchen?
Weder Gedron noch Tamara waren in der Nähe, er schien es nicht weiter zu bemerken. Dann, plötzlich ohne Vorwarnung packte er mich an meiner Jacke und schleuderte mich mit all seiner Kraft gegen die Wand. Mir wurde schwarz vor Augen, ich verstand nicht mehr was er brüllte. Dann traf mich ein Hieb ins Gesicht. Ich versuchte aufzustehen, neben mir hörte ich Gedron schreien und jammern, er packte mich an den Haaren und riss mich vorwärts, ich landete längelang auf dem Bauch.
Zu faul zum arbeiten! All die Jahre in der wir geschuftet haben, Mutter hat sich zu Tode gearbeitet, und Vater hat sich zu Tode gesorgt, und jetzt kommst DU mit deinem Geschwätz!
Ich versuchte wieder aufzustehen, aber er trat mit seinem Absatz auf meine linke Hand und drehte sich mit seinem vollen Gewicht auf ihr. Ich schrie auf, der Schmerz erzeugte farbige Explosionen.
Gedron redete jammernd auf Sandro ein, der schließlich von mir abließ. Er spukte auf mich herab und ging dann hinein. Ich lag immer noch am Boden und nahm die Welt nur durch einen roten Schleier wahr. Meine Hand schmerzte höllisch, ein schneller pulsierender Schmerz. Gedron stand neben mir und hielt sich die Hand vor den Mund, während sie unablässig leise schluchzte. Sie sah viel älter aus als elf. Ich selbst fühlte nichts, Schmerzen durchzuckten mich, aber in mir regte sich nichts, alles war wie eingefroren. Langsam stand ich auf, Gedron rannte nach innen. Ich ging Schritt für Schritt irgendwo zwischen Schreck, Wirklichkeit und Traum langsam über den Hof. Ich bemerkte wie sich mein Mund mit Blut füllte, gleichgültig spukte ich aus. Es gab einen blasigen roten Fleck in der Pfütze, der sich langsam ausbreitete. Die Dämmerung wurde langsam zur Nacht. Betäubt und verwirrt irrte ich über die Felder bis ich am Rand des kleinen Teichs bei den Nasswiesen ankam. Ich ließ mich dort auf die Knie nieder und hielt meine pulsierende Hand in das kalte Wasser, sie war rot und blau und schwoll bereits an. Ich sah meine Finger, und über den Fingern hingen und glitten kleine leuchtende Punkte an der Grenze zwischen Wasser und Luft. Ein tanzendes Funkenspiel, das Botschaften auf das Wasser schrieb. Ich schaute zu, und versuchte den Sinn des lieblichen Tanzes zu ergründen. Nach einer kleinen Unendlichkeit füllte sich mein Verstand langsam mit der Erkenntnis: Es war das Spiegelbild der Sterne, die durch ein kleines Loch in den Wolken schauten. Plötzlich kam das Wasser näher, ich kippte vornüber und der eiskalte See brachte mich schlagartig wieder in die Wirklichkeit zurück.
Keuchend und prustend lag ich im flachen Wasser des Ufers und beeilte mich so gut ich konnte wieder an Land zu kommen. Ich trottete langsam zum Hof zurück, meine Hand schmerzte immer noch, aber ich hatte mich bereits an den Schmerz gewöhnt. Ich wusste, hier würde ich nicht länger bleiben, aber ich musste noch einmal zurück um mir trockene Kleidung, einen Mantel und das nötigste zum Leben zu holen. In der Ferne grollte bereits das nächste Unwetter, es würde noch kälter werden.
Als ich in den Hof trat sah ich im Licht der Lampe, die am Fenster meines Vaters Kammer leuchtete, wie kleine Papierfetzen vom einsetzenden Wind über den Kies getrieben wurden. Ich griff mir einen der größten und hielt die Hälfte eines meiner Bilder in der Hand. Es war zerknittert und in der Mitte auseinandergerissen. Er hatte die wenigen Zeichnungen, die ich aus Sternmantel mitgebracht hatte offenbar in seiner Wut zerfetzt. Ich schluckte den Kloß, der sich in meinem Hals bildete hinunter, ich wollte nicht, dass er sah, dass er mich getroffen hatte, ich wollte keine Schwäche zeigen.
Auf dem Weg zur Tür knirschte dann etwas unter meinen Sohlen. Ich bückte mich und erkannte den Rest eines kleinen Tintenfäßchens sowie ein zerbrochenes Farbkästchen, in denen ich meine Farben aufbewahrt hatte. Es machte mir nichts mehr aus, etwas in mir war endgültig gestorben. Ich ging hinein.
Im Gang kam mir Gedron entgegen, sie wirkte verschlossen und unsicher. Obwohl sie noch kurz vorher gejammert und geschluchzt hatte, vermisste ich die Spuren von Tränen oder verquollenen Augen in ihrem Gesicht. Hier drin, im Haus, schien mir sogar ein Anflug von trotzigem Stolz in ihrer Haltung zu liegen.
Er ist wieder ins Dorf zurück.
Sagte sie. Ich war erleichtert. Schnell ging ich in meine Kammer, zog mich rasch um und raffte zusammen, was ich an armseliger Habe hatte: meinen Mantel, ein grobes geflicktes Teil, eine Kappe, den Beutel mit Cashrons Tee und einige Kleinigkeiten. In der Küche steckte ich noch ein langes Messer ein. Ich wollte nicht unbewaffnet sein. Und für meine kleinen Schwestern war es sowieso zu gefährlich.
Schließlich ging ich in meines Vaters Kammer um Abschied zu nehmen. Tamara stand in der Stube am Tisch und knetete im trüben Licht einer Talgkerze an einem Stück Sauerteig. Ich grinste sie an... aus Verlegenheit. Ich war noch nie zuvor von Zuhause weggerannt, und hatte ein seltsames Gefühl dabei.
Sie streckte mir, gar nicht verlegen, die Zunge heraus. Damit war alles gesagt. Zögernd betrat ich meines Vaters Kammer.
Er lag aufgedeckt auf seinem Bett. Der Schweiß auf seiner Stirn glänzte im Licht der kleinen Lampe, die am Fenster stand. Gedron war bei ihm und wusch ihn. Er starrte durch mich hindurch an die Wand hinter mir. Instinktiv drehte ich mich und erwartete halb, dort ein Paar gelber Augen zu sehen. Natürlich sah ich nichts dergleichen.
Ich ging zu ihm, strich ihm durchs Haar und küßte ihn, wahrscheinlich das letzte mal. Er roch entsetzlich. Gedron begutachtete mein Gepäck, und ihr Gesicht verfinsterte sich.
Du darfst nicht gehen, Sandro erschlägt dich, wenn du uns jetzt im Stich läßt.
Ich hörte mehr Sorge als Verärgerung in ihrer Stimme. Das machte mir den Entschluß nicht leichter. Aber ich hatte mich entschieden.
Er wird mich nirgendwo mehr finden. Er hatte fast ein halbes Jahr Zeit, um mir zu zeigen, dass ihr mich braucht. Alles was er mir zeigte war sein Haß, seine Ablehnung, heute ist er zu weit gegangen.
Ich wartete auf eine Antwort, aber Sie sagte nichts. Sie schaute nur auf die graue, geflickte Decke, die als Faltenberg auf den Füßen meines Vaters lag.
Ihr werdet durchkommen, Vater wird wieder gesund, das weiß ich.
Ich glaubte, ihr mit der Lüge Mut machen zu müssen.
Wenn es zum schlimmsten kommt, dann geh nach Telpier. Mutter hat dort noch viele Verwandte, die sich um euch sorgen werden.
Sie blickte trotzig auf und meinte:
Sandro würde nie nach Telpier gehen um zu betteln, er sorgt sich hier um den Hof, um unsere Zukunft!
Sie wandte sich wieder ihrem Lappen zu, und knetete ihn heftig in der Waschschüssel.
Um seinen Hof sorgt er sich, dachte ich bei mir, schließlich war er ihm von Vater versprochen worden als ich damals zu Temar geschickt wurde. Ich war hier nur eine billige Arbeitskraft, die er jederzeit davonprügeln konnte, was er wahrscheinlich auch irgendwann tun würde. Meine zertretene Hand begann wieder heftig zu pochen. Ich spürte wie Wut erneut in mir aufquoll.
Ja, je mehr ich für den Hof tue, um so mehr kann er versaufen. Der Shaitan soll ihn holen!
Flüsterte ich verbittert vor mich hin, doch Gedron hatte es gehört. Noch ehe ich es mich versah hatte sie mich erstaunlich kräftig geohrfeigt.
Wie kannst du nur so etwas am Sterbebett deines Vaters sagen?
flüsterte sie leise. Angst, vor allem Angst, und etwas Zorn spiegelte sich in ihrem Gesicht.
Verzeih, es ist... es war...
Ihre Ohrfeige hatte mein Selbstmitleid weggewischt. Ich stotterte, und wußte nicht mehr, was ich sagen wollte. In einer hilflosen Geste streckte meine gesunde Hand nach ihr aus, aber sie wich zurück.
Geh, wenn du gehen willst, dann geh jetzt, und geh für immer!
Sagte sie nur, und es lag nichts kindliches mehr in ihrer brüchigen Stimme. Ich faßte in meinen Mantel und holte den Beutel mit dem Tee heraus.
Hier, das ist ein Kräutertee, den mir ein Freund einmal gegeben hat, gib ihn Vater, vielleicht hilft er.
Ich legte ihn auf meines Vaters Bett. Meine Hand zitterte. Ich murmelte einen Segenswunsch für Gedron und Tamara und ging dann rasch hinaus. Mein Vater sollte noch in dieser Nacht sterben, aber auch das erfuhr ich erst viel später.
Im letzten Licht der späten Abenddämmerung gerade noch erkennbar, wälzten wie sich bereits wieder graue Wolkenmassen über den Himmel. Der Wind zerrte an meinem Mantel, als ich das Haus verließ und schnell die Außentreppe hinuntereilte. Ferner Donner grollte durch die Nacht, und Wetterleuchten spielte am Horizont. Ich hatte das deutliche Empfinden von Dramatik - das Schicksal schien fast greifbar seine Fäden zu weben.
Es begann wieder zu regnen. Ich ging hinüber zum Stall und holte eine der kleinen Laternen um meinen Weg zu finden. Sie war alt und verrostet und nicht mehr viel wert. Dann wandte ich mich zum Weg. Ich ging. Ich ging, so sagte ich mir, für immer. Und beim Gedanken an Sandro fühlte ich mich sogar wohl dabei.
Gerade als ich den Hofweg hinter mir gelassen hatte löste sich ein Schatten aus einer nahegelegenen Baumgruppe. Voller Panik griff ich mit meiner Rechten nach dem Messer und umklammerte es. Ich war mir sicher, dass Sandro auf mich gewartet hatte. Ich hatte es befürchtet, und nun wurde es wahr: ich mußte um mein Leben kämpfen - gegen meinen eigenen Bruder.
Der Schatten kam langsam näher und eine rauhe Stimme, die ich kannte, sagte ernst, fast wütend:
Hier bist du gebunden! Noch bevor dein Bruder stirbt wirst du hierher zurückkehren und eine Wunde heilen, die nicht im Tod geöffnet bleiben darf!
In meiner Freude achtete ich nicht auf seine Worte und rief:
Cashron, wie kommst du hierher?
Er sagte nichts weiter, nahm mir Laterne und Messer ab, legte beides an den Wegrand, nahe des Abzweigs zum Hofweg, griff meinen Arm und zog mich fort.

Der andere Weg beginnt

Wir gingen nach Osten und verließen schon bald den Weg. Ich war verwirrt über seine Schweigsamkeit und stolperte hinterher. Es begann wieder zu regnen. Wir gingen nicht weit, wir umgingen einen Teil des Dorfes am Nordrand und legten uns dann in einen leeren Unterstand für die Schafe, der noch nicht genutzt wurde. Wir bereiteten unser Lager. Er lächelte zum erstenmal und sagte
In Wut mag vieles gesprochen sein, nur die Worte des Hasses sind tödlich. Es wird alles gut werden.
Ich verstand nicht recht, was er meinte, war aber froh über den nun wieder warmen Klang seiner Stimme. Ich legte mich auf das Stroh und wickelte mich in eine Decke, die er mir gab.
Die Jugend ist wild und übermütig, gedankenlos lädt sie auf, und erst das Alter bemerkt, dass es viel zu schwer war.
Er sprach noch eine ganze Zeitlang weiter, ich schlief rasch ein und hörte nichts mehr von seine Worten.
Am nächsten Morgen erwachte ich früh und war enttäuscht, Cashron nicht schlafend anzutreffen. Er war wieder vor mir aufgestanden. Still saß er in der Morgensonne im nassen Gras und summte leise etwas vor sich hin. Ich stand auf und wußte nicht so recht, ob ich ihn stören sollte. Ich ließ es dann doch bleiben. Nach endloser Zeit schließlich streckte er sich und stand mit knackenden Gelenken auf.
Guten Morgen Galead.
Begrüßte er mich.
Was hast du da eben getan?
Fragte ich, den Morgenwunsch vergessend.
Guten Morgen, Galead.
Sagte er noch einmal. Ich stutzte, und wünschte ihm dann, peinlich berührt rasch ebenfalls einen guten Morgen. Schließlich antwortete er auf meine Frage:
Ich habe Chauntea und die Welt begrüßt.
Ist Chauntea die Sonne?
Meine Naivität war unbeschreiblich. Er lachte und meinte, dass ich noch viel zu lernen hätte. Ich war erneut verwirrt, er sah das, wurde ernst und erklärte:
Galead, du hast gestern etwas Dummes getan, dein Fluch ist nicht ungehört geblieben. Doch da deine Worte nicht in berechnendem Haß sondern in der Wut deiner Schmerzen gesprochen wurden, sind sie aufgehalten und können gewendet werden. Chauntea, der ich diene, leitete meine Schritte dieser Tage in deine Nähe und ich sah wie das Unheil geschah und bin herbeieilt um dir zu helfen es zu wenden.
Ich war erneut sehr verwirrt und irgendwie verängstigt. Ich verstand nicht das geringste von dem was Cashron sagte. Er sprach weiter:
Du musst wissen, wer verflucht steht in Gefahr vom selben Fluch getroffen zu werden, wen er nicht im Namen eines Gottes verflucht. Wer aber seinen Bruder verflucht, der wird demselben Fluch zum Opfer fallen, denn ihr seit Teil eines Blutes. Du hast gestern Schranken niedergerissen die die Unwissenden schützen. Es liegt an dir, sie wieder zu errichten, dein Bruder ist sowieso schon Nahe an der Schwelle ohne Wiederkehr.
Ich verstand immer noch nicht, trotzdem fragte ich
Was habe ich getan, und was muss ich tun?
Was du gesagt oder getan hast weiß ich nicht, wahrscheinlich hast du deinen Bruder verflucht oder in die Hölle gewünscht. Gestern Nacht war die Macht des Verderbers stark, seine Geister sind über das Land gereist und Deine Stimme war laut, Galead. Gestern spürte ich die unheilige Kraft, die heraneilte, und sich über euer Haus senkte. Was du tun sollst, dass kann ich dir sagen: Opfere dich Chauntea, sie hat die Macht Schranken wieder zu errichten.
Ich erschrak.
Soll das heißen, ich soll mich umbringen?
Fragte ich entsetzt. Bei seinen Worten war mir wirklich Angst geworden.
Opfern heißt, dein Leben in ihren Dienst zu stellen. Von deinem Tod hätte sie wenig
Er lächelte. Ich schluckte und meinte nur
Aha...
Mein Leben schien kompliziert zu werden. Wir machten uns auf den Weg, wanderten einige Stunden weiter nach Osten bis wir wieder ein Waldstück erreichten.
Er sprach während des ganzen Tages langsam über verschiedene Dinge. Erklärte mir allerhand, beantwortete Fragen, zeigte mir irgendwelche Blumen und Kräuter bis es Abend wurde. Am Abend, wir hatten uns gerade ein kleines Lager aus Zweigen gebaut, das uns etwas gegen die Nässe und Kälte des Bodens schützte wanderten meine Gedanken wieder zu meinem Bruder zurück.
Du hast gesagt, mein Bruder sei nicht mehr weit... von dieser Schwelle weg, was bedeutet das?
Er antwortete:
Erinnerst du dich an den jähzornigen Mann in Sternmantel, du hast mir von ihm erzählt? Dieser ist wahrscheinlich schon hinübergetreten.
Er verharrte einige Zeit, in stiller Betrachtung eines unsichtbaren Bildes, wie mir schien. Dann fuhr er fort:
Zuerst ist es nur Wut, Zorn und eine gewisse Maßlosigkeit. Dann jedoch steigert es sich langsam, die Freude am Leid anderer tritt hinzu, die Freude zu zerstören. Es ist wie eine Sucht der du dich nicht mehr entziehen kannst, du verlierst deine Freunde und bewegst dich nur noch im Kreis derer, die wie du sind. Dann beginnen die eigentlich schlimmen Dinge, Opfer und Rituale die abscheulich sind. Du beginnst zu Morden und berauscht dich am Blut deiner Opfer, schließlich opferst du dich selbst. Es ist wie ein Hügel aus Sand, bei dem ein Korn ins rutschen gerät. Es gibt kein zurück. Dein Tod schließlich ist eine Erlösung für die anderen. Aber, wenn es zum schlimmsten kommt, ist er nicht das Ende deiner irdischen Existenz. Manche kehren als Untote oder sonstige Kreaturen wieder, bis sie jemand endgültig erlöst. Wie auch immer, wenn du dann endgültig gehst, dann vergeht dein Leben und deine Erinnerung in der Hölle eines der dunklen Geschöpfe des Himmels.
Ich begann ein wenig etwas zu verstehen.
Es war zu meinem 15. Geburtstag, als meine Wanderungen mit Cashron begannen. Den ganzen Frühling hindurch streiften wir durch die äußeren Bereiche des Waldes Guldmere. Ich lernte von Cashron die Zyklen des Lebens zu verstehen, das Wirken von Chauntea zu erkennen und eine Menge über Pflanzen und Tiere.
Ich ahnte es längst, und es gab auch entsprechende Gerüchte, aber trotzdem war ich überrascht, als ich Cashron dann das erste mal wirklich so etwas wie einen Zauber wirken sah:
Wir hatten den Waldrand verlassen und gingen auf einem Weg der zu den benachbarten Weiden führte, da dort, wie Cashron mir erklärte, die besten Würz- und Heilkräuter zu finden seien. Da kam uns ein Gespann eines Bauern entgegenholperte. Er trug farbiges Tuch, musste also einer der größeren Bauern der Gegend sein. Sein Gespann war vollgeladen mit Heu, dass er wohl soeben von der Wiese geholt hatte.
Der Weg war breit, trotzdem gingen wir bis an den linken Rand des Weges wo er in eine wassergefüllte Kuhle überging. Der Bauer schrie schon von Ferne wir sollten Platz machen und vom Weg verschwinden. Cashron lief unbeeindruckt am äußersten Wegrand weiter. Als mit seinem Gespann herangekommen war schaute er uns finster an und schrie:
Platz sollt ihr machen, Gesindel!
Dann schlug er mit einer Riemenpeitsche nach mir. Ich versuchte auszuweichen, schaffte es aber nicht mehr und das Leder zog einen blutigen Striemen quer über mein Gesicht. Ich verlor das Gleichgewicht und landete im fauligen Wasser. Cashron drehte sich ohne Eile um, beachtete mich nicht weiter und wob ein paar Zeichen in die Luft. Dann lächelte er dem Bauern nach.
Ich war wütend und schaute, was es denn da zu Lachen gäbe, und sah, wie am hinteren Ende des Heuwagens plötzlich feine Rauchfahnen aufstiegen. Der Bauer hielt an, offensichtlich hatte er etwas bemerkt. Kurze Zeit später sah ich, nun auch lachend, wie er mit der Gabel verzweifelt das Heu, welches nun schon an zwei Enden deutlich brannte vom Wagen zerrte und versuchte die kleinen Brände auszutreten.
Bald war das meiste Heu vom Wagen und das Feuer erloschen. Cashron lächelte immer noch und murmelte
Viel Spaß beim aufladen.
Dann wandte er sich um und ging weiter. Ich folgte ihm, unheimlich zufrieden. Er hieß mich meine kleine Gesichtswunde selbst versorgen, und ich schaffte es erfolgreich, das Kraut, welches zur Reinigung benötigt wurde zu finden und zuzubereiten. Cashron war zufrieden.

Das erste Mal

Es war am Abend jenen Tages, da ich zum erstenmal erfuhr, dass er ein echter Druide war. Der Titel flößte mir Ehrfurcht ein. Wir zogen den ganzen Sommer durch den Guldmerewald und mein Wissen über Pflanzen, Tiere, Chauntea und Druiden wuchs. Ich wußte nun auch, dass er in Wirklichkeit noch gar kein Druide war, sondern erst zu so einem werden würde, wenn er alt und erfahren genug war.
Ich verstand das mit der Erfahrung noch nicht, für mich war Cashron ein Wunder an Weisheit. Im Herbst zogen wir dann wieder nach Norden und erreichten Amry. Dort sah ich Cashron auch das erste mal bei der Arbeit. Er sprach mit den Bauern, schritt manche Äcker ab und murmelte Gebete, verteilte seine Kräuter und traf sich mit drei anderen, die eine unübersehbare Ähnlichkeit zu ihm hatten. Sie unterhielten sich lange, und ich dachte schon, dass es mir wohl sehr langweilig werden würde, als ich die Begleiterin einer der Freunde Cashrons kennenlernte.
Sie hieß Amiel und kam aus Westtor. Sie war gleich alt wie ich und in der Ausbildung zur Priesterin. Ich war hocherfreut jemanden zum Reden und Herumlaufen gefunden zu haben. Tagsüber half ich Cashron, bereitete Tränke, half irgendwas irgendwohin zu tragen, sammelte ein paar Pflanzen, die in der Umgebung des Dorfes wuchsen, und Abends schlenderte ich mit Amiel durch die Dorfstraßen und wir erzählten uns allerlei. Wir waren bald gute Freunde. Aus Spätsommer wurde Herbst, und wir zogen weiter.
Deanor, Amiels Lehrer und Amiel selbst begleitete uns noch ein ganzes Stück des Weges, doch dann trennten wir uns. Während des Herbstes sammelten wir Vorräte von Früchten und Holz und errichteten aus Zweigen eine Schutzhütte. Ich schlug vor in einem Dorf zu überwintern, aber Cashron lachte und meinte
Wenn du es jetzt nicht lernst im Wald zu überwintern, wirst du es mit zwanzig auch nicht können.
Der Winter war lang und kalt, und doch sehr fruchtbar, lernte ich doch eine ganze Menge über Dinge, die über das bloße Pflücken von Pflanzen und das Zubereiten von Tränken hinausging. Cashron war geduldig und lehrte mich Details der Chaunteagebete, rituelle Handlungen, Meditationen und dergleichen. Er erweiterte mein Wissen über die Naturzyklen und sprach ein wenig über die Dinge des Himmels.
Es kam der Frühling und wir zogen erneut nach Süden. Über das Land, entlang eines Flusses, um uns gab es nur wilde Heide, Sträucher, das Rauschen des Wassers und das Summen der Insekten. Und dann kam auch das erste mal:
das erste mal, dass ich bei meiner Morgenmeditation, die mir von Cashron zu Pflicht gemacht wurde, etwas fühlte.
Es traf mich fast wie ein Donnerschlag, ich zuckte zusammen, mein Herz begann zu rasen und ich fühlte mich auseinandergezogen, kalt und schwer und gleichzeitig heiß pulsierend. Mir verging regelrecht Hören und Sehen.
Cashron bemerkte, das etwas nicht stimmte, als ich viel länger als sonst in meiner sonst so gehaßten, weil langweiligen Pflichtmeditation verharrte. Lächeln packte er unseren Besitz zusammen, eine Aufgabe die seit dem Winter mir zukam, und wartete geduldig während ich mich geknetet und geschlagen fühlte wie ein Sauerteig.
Als das Gefühl nachließ, die 'Berührung' schwächer wurde blieb ich still sitzen und wartete bis das Vibrieren meiner Nerven nachgelassen hatten. Es war ein Gefühl, als sei ich eine angeschlagenen Saite, die nun langsam wieder verstummte. Schließlich öffnete ich meine Augen, holte tief Luft und fragte erstaunt:
Cashron, ist das bei dir jeden Morgen so?
Er lachte und meinte:
Merk es dir gut, so schön wie beim ersten mal wird es nie mehr wieder.
Irgendwie war ich enttäuscht.
Die Berührung durch die Göttin kann ganz verschieden erfolgen,
erklärte er weiter,
entweder sie schickt Träume, manchmal spürst du eine feine Vibration, einen Schauer oder ein Zittern während der Morgenmeditation, und selten einen gewaltigen Schlag, so wie er beim ersten mal erfolgt. Das liegt auch daran, dass man sich daran gewöhnt. Aber vorsicht, sie kann noch mehr...
Er lachte gutmütig.
Warum hast du mir nie etwas davon erzählt?
Fragte ich, erstaunt dass er mir dies verheimlicht hatte.
Ungeduld und Zwang verlegen die Wege zur göttlichen Kraft. Wenn du Tag für Tag gewartet und gefordert hättest, wäre eine gnädige Einbildung über dich gekommen und du hättest sie nie kennengelernt. Es ist die Einkehr in die innere Langeweile, die den Weg das erste mal öffnet.
Er blickte, immer noch lächelnd, in die Ferne seiner eigenen Vergangenheit. Mir war nun klar, dass dies alles hier etwas anderes war als Schnitzerei oder Malerei zu lernen, hier steckte mehr dahinter.
Wir wanderten den ganzen Sommer hindurch weiter nach Süden, erst zum Herbst wendete sich Cashron nach Osten. Seine Worte erhielten einen ganz neuen Sinn, seit ich Teil an dieser göttlichen Kraft hatte. Es war nicht mehr nur ein Verstehen mit dem Verstand sondern auch ein Fühlen, manchmal regelrecht ein Sehen mit dem ganzen Körper und mit dem Gefühl.
Cashron begann mir Dinge zu erzählen, die er mir wahrscheinlich nie erzählt hätte, wenn ich nicht diese Erleuchtung gehabt hätte. Er zeigte mir auch erstmals Giftpflanzen, warnte mich vor ihrer Wirkung und verriet mir Gegenmittel. Schließlich erreichten wir den überfluteten Wald. Hier gab es Sträucher und Pflanzen, die ich noch nie gesehen, Tiere, deren Schreie ich noch nie vernommen hatte. Er zeigte mir mächtige Heilkräuter und lehrte mich deren Zubereitung. Zu meiner Schande muss ich heute gestehen, dass ich von all dem damals nicht viel behalten habe. Es braucht doch etwas mehr Zeit als einen Sommer, um die Macht der Natur kennenzulernen - geschweige denn zu bändigen.
Zu Beginn der Wanderung durch das nasse gurgelnde Element ging Cashron voraus. Er schien geheimen Pfaden zu folgen, verriet mir aber nach und nach, wie man aus dem Bewuchs, der Farbe des Schlamms oder des Wassers und aus dem Spiel der Wellen den sicheren von dem unsicheren Grund trennen konnte. Schließlich war ich an der Reihe. Er ließ mich einen Weg durch das Netz aus Wasser und schlammigem Land suchen. Ich war die meiste Zeit über naß.
Hier ereilte mich Chauntea eines Morgens zum zweitenmal, mit fast unbändiger Gewalt. Cashron murmelte
Es wird Zeit.
Wir gingen wieder nach Norden. Der Herbst kam, aber Cashron ließ mich kein Lager einrichten, wir gingen weiter. Es war bereits Winter, als wir das Dorf Zedernbruch erreichten. In diesem Sommer hatte mein Bart unbemerkt zu sprießen begonnen, und ich sah etwas erstaunt den dunklen Flaum in meinem Gesicht, als ich in Zedernbruch mein Gesicht in einer Scheibe sah. Wir trafen Deanor und Amiel wieder. Mein Herz hüpfte vor Freude, wir hatten uns viel zu erzählen. Leider blieben wir nicht lange, Cashron brach mitten im Winter mit mir auf und zog tief in den Wald hinein.

Druidencamp

Der Weg war hart und beschwerlich, auch Cashron schien darunter etwas zu leiden, der Schnee lag stellenweise stark verweht und hoch. Es war sehr kalt. Cashron erzählte mir, dass diese Kälte unnatürlich für diese Region war. Und ich spürte, dass er zornig und zugleich tief besorgt war. Doch alles schimpfen und stöhnen meinerseits half nichts, er stapfte unerbittlich weiter. Dann, eines Morgens hörten wir Geräusche tiefer aus dem Wald kommen. Auf unserem ganzen Weg hatte Cashron wieder unaufhörlich von Gebeten und Ritualen, von Heilpflanzen und deren Zubereitung und von den Dingen des Himmels geredet. Ich kannte das meiste davon schon, oder tat zumindest so, und wunderte mich über die Wiederholungen und seinen schieren Redefluß.
Nun hörte ich die Geräusche. Es war so etwas wie Musik, ein Summen, manchmal ein Brummen und das Gewirr von mindestens zwanzig Stimmen. Es dauerte nicht mehr lange, und wir brachen durch ein Tor aus zwei zusammengelehnten Baumstämmen, vor uns im Schnee waren schon viele Spuren gewesen, jenseits des Tores war der Schnee völlig niedergetrampelt. Vor mir öffnete sich ein großer runder Platz der vereinzelt mit Bäumen bestanden war, der Schnee war von unzähligen Fußspuren festgetreten und bereits stellenweise braun gefärbt.
In Platzmitte brannte ein großes Feuer, welches den Schnee in seiner Umgebung bereits in Schlamm verwandelt hatte. Eine Hütte stand neben dem Feuer und eine Handvoll Menschen in braunen Kutten, zwei mit Lederrüstungen standen im Feuerschein. Cashron sagte laut etwas in einer Sprache, die ich nicht verstand. Im wurde offensichtlich in derselben Sprache geantwortet. Dann gab es ein großes Hallo mit vieren derer, die am Feuer gestanden hatten.
Schließlich kam jemand aus der Hütte, angelockt vom neuerlichen Lärm. Ein Mann mittleren Alters, Cashron war noch jung verglichen mit ihm, der in die Runde blickte und schließlich Cashron musterte. Cashron ging zwei Schritte auf ihn zu und ließ sich dann mit einem Knie zu Boden und neigte seinen Kopf. Der Alte, er war der älteste in der Runde, ging auf ihn zu, strich ihm durchs Haar, murmelte etwas und lachte dann, Cashron stand ebenfalls lachend wieder auf. Mir war etwas unheimlich zumute.
Es war mir ganz klar, dass dies hier ebenfalls so etwas wie Druiden sein mussten, sie hatten einfach etwas von Cashron an sich, dass mich zu diesem Schluß kommen ließ. Und die Kleidung sagte den Rest. Ich fühlte mich unter diesen Priestern schrecklich verloren. Ich hatte eine vage Vorstellung über die Kräfte, über die die älteren zu Gebieten vermochten, und das führte mir meine Verwundbarkeit vor Augen.
So setzte ich mich in eine Ecke am äußeren Reißigzaun und machte mich so unsichtbar wie möglich. Einige schienen herzlich ja geradezu fröhlich zu sein, andere wirkten eher griesgrämig. Die anderen stellten die Mehrheit, entschied ich still. Ein Hund kam hinter der Hütte hervor und lief freudig bellend auf mich zu. Ich hatte ihn gleich ins Herz geschlossen. Er war ein lustiger und unheimlich lebendiger Geselle. Wir balgten ein wenig und kullerten bald durch den Schnee. Schließlich beruhigte er sich und legte sich neben mich. Ich achtete nicht mehr auf ihn sondern beobachtete wieder die Gestalten am Feuer, als mich eine Stimme von der Seite ansprach:
Na, du bist auch zum ersten mal hier, nicht? Wie heißt du denn?
Vor Schreck wäre ich fast aufgesprungen, ich schaute neben mich und sah anstelle des Hundes eine Frau sitzen, die mich erwartungsvoll anblickte.
Mein Name ist Nephra, ich hoffe ich habe dich nicht allzusehr erschreckt. Ich sah dich mit Cashron kommen, dem alten Taugenichts. Du bist also sein neues Welpen?
Sie lachte erneut.
Galead...
brachte ich mit dem letzten Rest Selbstbeherrschung über die Lippen. Sie schaute mich wieder an und sagte:
Galead also... Nun, du brauchst dich nicht zu verstecken, hier tut dir keiner was, solange du keinem was tust. Geh umher, schau dich um. Nur in die Hütte gehe erst, wenn man dich dazu auffordert.
Ich fragte rasch:
Wer wohnt den dort drin?
Sie antwortete:
Der Druide dieser Gegend,
sie deutete auf einen Mann, der mit dem Rücken zu mir stand, und fuhr fort:
die meisten anderen sind Initiaten, oder Jungdruiden, Priester auf dem Weg nach oben sozusagen. Wir treffen uns von Zeit zu Zeit, um uns zu unterhalten, miteinander zu feiern und unsere Kräfte zu messen. Außerdem gibt es immer wieder Neuigkeiten, die eine Reise wert sind.
Ich unterhielt mich, froh endlich jemand mit dem ich Reden konnte zu haben, noch eine beträchtliche Zeit mit ihr. Das Gefühl des Fremdseins wich allmählich aus mir.
Im Verlauf des Gesprächs hatte sie mir ihre Sichel gezeigt, eine schöne, fast zierliche, und trotzdem ungeheuer scharfe, silbrig glänzende Sichel. Ich wog die schöne Waffe nachdenklich in meinen Händen, sie gefiel mir sehr. Plötzlich fühlte ich mich nackt. Ich schaute sie überrascht an. Sie schien zu bemerken, dass mich etwas irritierte und fragte:
Was ist den nun schon wieder?
Ich fühle mich irgendwie...
begann ich, stutzte und suchte nach einem Wort, als eine tiefe Stimme mit
...beobachtet?
meinen Satz zu Ende brachte. Ich blickte wieder in Richtung Platzmitte und suchte die Stimme. Zu meinem Unbehagen gehörte sie dem 'Gebietsdruiden' als der er mir vorgestellt worden war, der gerade langsam auf mich zukam. Cashron hinter ihm gab mir mit Handzeichen zu verstehen ich möge mich erheben. Ich wäre sowieso rasch aufgestanden. Ich klopfte mir den Schnee von der Jacke und versuchte eine schüchterne Verbeugung.
Der Druide kam näher und musterte mich eingehend, mir war als durchliefen mich dabei heiße und kalte Schauer in wirrer Folge. Schließlich streckte er seine Hand aus und fuhr mir durchs Haar. Ich erwartete bei der ersten Berührung seiner Hand vom Blitz erschlagen zu werden, aber nichts dergleichen geschah. Es fühlte sich ganz normal an. Er lachte ein leises Lachen, dann war die Audienz offensichtlich zu Ende, denn er drehte er sich um und schaute über den Platz.
Auf der anderen Seite des zentralen Feuers hatten soeben zwei noch jünger erscheinende Männer eine Art Schaukampf begonnen. Sie schienen zu streiten und warfen sich laut Worte an den Kopf, trotzdem hatte ich nicht den Eindruck, dass es ihnen übermäßig ernst war. Schließlich begannen sie einander Stockhiebe zu versetzen. Es waren große Stöcke, und ich fragte mich, ob es nicht doch ein Streit war.
Ich setzte mich wieder neben Nephra, da der Druide von diesem Schauspiel offensichtlich gefesselt war und kein Interesse mehr an mir hatte.
Ist das ein Spiel oder Ernst?
fragte ich sie.
Sie legen einen Streit bei, der zwischen ihnen vor zwei Jahren entbrannt ist. Es ist kein Kampf auf Leben und Tod, und trotzdem ist es Ernst.
erklärte sie.
Der, der als erstes den anderen schwer verletzen oder töten könnte hat gewonnen. Aber das einzige, was sie davontragen sind blaue Flecken und vielleicht einen gekränkten Stolz.
Gebannt starrte ich auf die beiden Kontrahenten, die soeben wieder aufeinander eindrangen. Einer hatte bei einer Abwehr seinen Stock verloren und stand nun ohne Waffe da. Der andere holte aus als sein Stock plötzlich in hellen Flammen stand und er ihn mit einem Aufschrei ebenfalls fallen lies. Es war das zweite mal, das ich diese unheimlichen Kräfte, über die auch Cashron verfügte, wirken sah.
Der Kampf ging noch eine ganze Zeit weiter, einmal zuckte ein Blitz mit lautem Schlag vom Himmel, dann plötzlich schien der Kampf entschieden: Einer der beiden hatte wohl die Konzentration verloren oder seine Kräfte erschöpft, jedenfalls konnte er sich gegen eine heranrasende Feuerkugel nur noch wehren indem er mit einem Aufschrei die Hände vors Gesicht hielt.
Ich erwartete schon, dass er in dem fauchenden Inferno verbrennen würde, als der flammende Ball plötzlich kollabierte und sich mit zwei letzten kleinen Flämmchen in Rauch auflöste. Er stand zitternd in der Rauchwolke, sank dann geschlagen auf die Knie und kühlte sich das Gesicht mit dem zertretenen Schnee. Der andere ging an ihm vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
Und was geschieht jetzt?
fragte ich voller Unbehagen.
Der Verlierer wird fortan in der Sache des Streites das Wort des Siegers befolgen
erklärte Nephra,
und er wird ihn mit Herablassung strafen bis zum nächsten Morgen. So ist das Gesetz. Morgen werden sie wieder Brüder sein. Du wirst noch mehr der Kämpfe sehen, manche im Streit, manche im Wettstreit. Es ist auch eine Art Unterhaltung. Letztendlich dient es jedoch, wie jedes unserer Zusammentreffen, um uns die Macht und Größe Chaunteas immer wieder bewußt zu machen. Und auch um uns zu rüsten ihren Feinden entgegenzutreten. Denn dann wird keiner der Alten da sein, um die Zauber im letzten Augenblick zu zerstreuen oder um den Flug eine tödliche Lanze in der Luft anzuhalten. Wir lernen dabei auch neue Techniken des Kampfes, des Angriffs und der Abwehr.
Ich war entsetzt. Sie hatte selbstverständlich von tödlichen Feinden gesprochen, Cashron hatte noch nie einen erwähnt. Ich war schockiert. Sie nahm meine Hand und meinte in spielerisch tröstendem Ton
Du wirst noch früh genug alles erfahren... viel zu früh.
Der Nachsatz klang etwas ernster.

Initiation

Das Treiben auf dem Platz war auf seine Weise bunt. Ich sah in den nächsten beiden Tagen viel und war zutiefst beeindruckt, und auch beunruhigt über Nephras Worte. Ich schaute Cashron bei einem Schauduell mit seinem Freund zu. Er verlor, was mir selbst wahrscheinlich mehr weh tat, als ihm, doch beide lachten danach wieder und kamen zu mir herüber. Sein Freund meinte fröhlich:
Na, du hast nachher auch noch deine große Stunde?
Cashron erwiderte schnell:
Sei still, er weiß genug.
Ich war verwirrt, eigentlich ein Dauerzustand in den letzten Tagen. Gleichzeitig beschlich mich das Gefühl drohenden Unheils. Schließlich, es begann bereits zu dämmern, da rief Cashron mich nach draußen, vor den reißigbewehrten Platz.
Er hieß mich neben ihn hinzusitzen und wir begannen eine Meditation. Es war nicht die übliche Zeit, wir hatten des Morgens bereits mit den anderen Andacht gehalten, und trotzdem ergriff mich Chauntea schon nach kurzer Zeit heftig und lange. Als es endlich nachließ zog er mich rasch auf die Beine und wir gingen durch eines der Holztore und eilten der Hütte des Druiden entgegen. Es war bereits Dunkel, das Feuer brannte hell.
Der Druide stand in der Eingangstür und blickte mir entgegen. Zu seiner linken und rechten stand neben Nephra und ein paar Freunden Cashrons einige andere, die ich nicht kannte. Als ich zögerte stieß Cashron mich unsanft durch die Wartenden bis direkt vor den Alten. Er nahm mich ohne ein Wort bei der Schulter und führte mich ins Innere. Es war stockfinster. Draußen setzte ein tiefer Gesang ein, mich beschlich Lampenfieber vor dem Kommenden. Der Druide begann leise in einer mir unbekannten Sprache zu sprechen und sprengte mir eine klebrige Flüssigkeit ins Gesicht. Ein süßlicher, zäher Duft breitete sich in der Hütte aus.
Er drückte mir eine Schale in die Hand, ich wunderte mich, wie er im Finstern alles fand, und hieß mich trinken. Draußen steigerte sich das Brummen und ich erkannte den Dreigesang von Erneuerung, Zyklus und Zeit. Ich trank. Schon während ich trank wurden meine Arme schwer wie Blei, mein Kopf versank in wattigem Nebel.
Ich verlor damals das Gefühl für die Zeit, die Erinnerungen an das was geschah sind heute verwischt. Ich erinnere mich an Gesänge, an leise Fragen des Alten und an meine gestammelten Antworten. Die stickige heiße Luft in der Hütte, die Dunkelheit, und auch immer wieder beruhigende Worte, die meine Angst linderten. Dann plötzlich der laute Gesang des Alten, der sofort von draußen aufgenommen wurde, ein an- und abschwellender Rhythmus mit reicher Melodie. Cashron öffnete die Tür der Hütte und der Alte führte mich hinaus in die Nacht.
Das Feuer war zu einem beachtlichen Haufen hellrot glastender Asche verbrannt. Ich sah wie Schatten hin- und hereilten und neues Astwerk auf die Glut warfen. Der alte Druide bückte sich und hob eine Handvoll Schnee auf, während wir langsam auf die Glut zuschritten. Der Rhythmus des Gesanges wurde langsam schneller. Der Alte schaute auf den Schnee in seiner Hand, dann fixierte er mich mit wild glänzenden Augen. Der Gesang steigerte sich. Plötzlich schrie er mit unglaublich lauter Stimme:
Ethren, entzünde das Feuer für uns!
Dann wandte er sich um und warf den Schnee in die Glut, die mit wildem Zischen schlagartig erlosch.
Der Gesang wurde durch die glutlose Dunkelheit noch lauter, schwoll an und ebbte ab mit immer schnellerem Tempo. Mir war als zöge ich mich in mich selbst zurück, der Gesang wurde leiser, verlor sich immer mehr in der Ferne, während ich in der warmen Dunkelheit versank. Tief in mir spürte ich, wie eine unendlich feine Saite die sich in meinem Inneren spannte leise zu vibrieren begann. Ich hatte für einen kurzen Augenblick das Bedürfnis meine Augen zu öffnen und davonzurennen, dann war der Moment vorüber.
Die Saite begann stark im Rhythmus des Gesanges zu summen. Ich spürte, wie sich ihr Schwingen in ein pulsierendes Kribbeln verwandelte, welches in meinem Körper auf- und ablief. Aus dem Kribbeln wurde ein Zittern. Der Gesang nahm an Tempo zu. Ich spürte wie mich Erschütterungen durchliefen, wie ein auf- und abziehendes Frösteln, das ständig an Vehemenz zunahm. Mir stockte der Atem, meine Hände begannen unkontrolliert zu zucken. Aus dem Frösteln wurden Wellen aus kaltem Metall und prickelnd heißen Stacheln die mich immer schneller durcheilten. Mein Herzschlag durchzuckte meine Kopf wie Peitschenhiebe, Krämpfe schüttelten meine Muskeln. Der Gesang teilte sich und die Sängergruppen peitschten sich gegenseitig voran.
Ein stechender Schmerz durchfuhr mich, mir war als liefe flüssige Glut durch meine Adern. Ein ungeheurer Druck quetschte mich zusammen und preßte alle Luft aus meiner Lunge. Gleichzeitig liefen eisige Wellen in furchtbarem Kontrast zu dem Feuer in mir über die Haut meiner Arme und Hände.
Der Gesang hatte sich zu einem Stakkato gesteigert. Der Schmerz wurde unerträglich, grelles Licht lief durch meine Augen, ein seltsames Brummen dröhnte in meinen Ohren und löschte den Gesang aus. Ich rang verzweifelt nach Luft, füllte meine Lungen und schrie aus Leibeskräften. Doch statt des Schreis entfuhren mir unbekannte Worte und meine rechte Hand hieb seltsame Figuren in die Luft.
In einem letzten Schlag durcheilten mich rasende Flammen, ich spürte, wie jede Faser meines Körpers verbrannte, dann sah ich ein kurzes Flimmern über dem nassen Holz und mit einem fauchenden Knall erhob sich eine Feuersäule die mich weit überragte und die ihren Glutregen über unsere Köpfe verteilte. Ich achtete nicht darauf, dass der Gesang abbrach. Ich starrte nur ungläubig auf das grelle Zentrum der Flammen und sah wie sich das nasse Holz in Sekunden verzehrte und zu grauer Asche zerfiel. Dann verlosch das Licht, die Geräusche und jeder Gedanke...


...so, jetzt ist Kehle und Feder ausgetrocknet.
Jetzt kennt Ihr grob meinen Lebensweg bis zur Aufnahme in den Chaunteazirkel von Guldmere. Wie es weitergeht, erzähle ich Euch gerne ein anderes mal, falls es Euch noch interessiert. Falls ja, gebt einfach kurz Bescheid. Wenn genug Zuhörer zusammengekommen sind, dann lohnt es sich, mal wieder eine Geschichtsstunde einzuschieben.
Mein Ausstieg aus dem Zirkel und der Beginn meiner Wanderungen mit den Nordrecken habe ich in einem Pergament niedergeschrieben. Ihr könnt es in Ruhe hier nachlesen.

Gute Weiterreise, und verlauft Euch nicht... Ethren.

[Nordrecken] [Ethren] - Last edited: 04.02.2006 by Ethren